The Woman in the Dunes
  [nicht mehr im Kino - Release: 27. Juli 2006]
   
 

Leidenschaft und Eros im Sand • "Eines Tages im August verschwand ein Mann. Er war mit der Bahn zu einem Ausflug an die K├╝ste aufgebrochen, kaum eine halbe Tagesreise entfernt, und seitdem fehlt jede Spur von ihm." Die Textpassage stammt aus dem Roman "Die Frau in den D├╝nen" des Japaners Kobo Abe. Das Buch wurde 1964 von Hiroshi Teshigahara kongenial verfilmt, ein in jeder Beziehung radikaler Film, der nichts von seiner Kraft eingeb├╝sst hat, im Gegenteil: Der Filmemacher Hiroshi Teshigahara f├╝hrt uns vor Aug und Ohr, welches Erz├Ąhlpotenzial in der Filmkunst steckt.

Im Roman lesen wir: "Ein Windstoss blies ihm das kleine Tuch vom Gesicht. Aus den Augenwinkeln sah er golden die Linien der D├╝nen gl├Ąnzen. Ein sanft ansteigender Hang l├Âste sich aus dem Gold und versank schnell in der Dunkelheit. In dieser Raumaufteilung lag eine seltsame Spannung, und er zitterte vor einer ihm selber unbegreiflichen Sehnsucht nach Menschen." Der K├Ąfersammler aus Tokyo hat den letzten Bus zur├╝ck in die Stadt verpasst und wurde in die H├╝tte einer Frau gelockt, die unten in den D├╝nen wohnt. Er soll ihr helfen in ihrem allt├Ąglichen Kampf gegen Sandmassen. Mit der Frau in den D├╝nen eingeschlossen f├╝gt er sich langsam seinem Schicksal und nimmt die in der Hitze anstrengende Sisyphus-Arbeit auf. Sie ist ein Sinnbild f├╝r viele unserer ganz allt├Ąglichen Besch├Ąftigungen.

The Woman in the Dunes ist einer jener Filme, die man so schnell nicht mehr vergisst. Die Beziehung mit der Frau und die Entdeckung einer M├Âglichkeit, Leben spendendes Wasser zu gewinnen, selbst in dieser W├╝ste, werden f├╝r den Mann wichtiger als das Wiedererlangen seiner vermeintlichen Freiheit. Zwischen den beiden entwickelt sich eine knisternde Spannung, die Hiroshi Teshigahara in hypnotisierenden Bildern und Montagen vermittelt. Grandios, wie er die Erz├Ąhlung aus sich heraus aufbricht, die Umgebung einbe-zieht und Landschaftselemente wie Figuren gleichermassen erotisiert, alles fliessen l├Ąsst, selbst den Sand. W├Ąhrend sich das Paar aus der ringenden Ber├╝hrung heraus n├Ąherkommt und in einem sandigen Rausch vereint, sehen wir auch, wie selbst ihre Poren sich weiten. Davor gerieten im Waschen des anderen K├Ârpers schon die perlenden Tropfen auf der Haut zu Anziehungspunkten, die den Puls stocken lassen. Oft gen├╝gt Teshigahara die Andeutung einer Geste oder der pr├Ązise Bildausschnitt, um eine Ahnung von der Begierde zu vermitteln, der Anziehungskraft.

Die Schwarzweissfotografie von Hiroshi Segawa geh├Ârt zum Grossartigsten, was wir im Kino je zu sehen bekamen: Sand, D├╝nen, Krabbeltiere, der menschliche K├Ârper, fragmentiert, aufgebrochen, neu zusammengef├╝gt in dieser Komposition, die Bild und Musik als gleichwertige Erz├Ąhlelemente behandelt. Details bis in den makroskopischen Bereich hinein erz├Ąhlen von einer Passion. Die fiebrigen Umarmungen, die Hingabe, der Kampf, der fliessende Sand, die Ausweglosigkeit, die Trance: Unm├Âglich, dass man beim Betrachten dieses Films nicht Sandk├Ârner zwischen den Lippen sp├╝rt und Durst bekommt. Durst nach etwas Fl├╝ssigem, Durst aber auch nach mehr Filmen, die uns ├╝bers Auge so in ihren Bann ziehen und nicht mehr loslassen.


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REGIE:
Hiroshi Teshigahara
PRODUKTION:
Kiichi Ichikawa
Tadashi Ôno
CAST:
Eiji Okada
Ky├┤ko Kishida
Hiroko Ito
Koji Mitsui
Sen Yano
DREHBUCH:
K├┤b├┤ Abe
KAMERA:
Hiroshi Segawa
SCHNITT:
Fusako Shuzui
TON:
Ichiro Kato
Jyunosuke Okuyama
MUSIK:
T├┤ru Takemitsu
AUSSTATTUNG:
Totetsu Hirakawa
Masao Yamazaki

LAND:
Japan
JAHR: 1964
LÄNGE: 123min