Havanna - Die neue Kunst Ruinen zu bauen
  [nicht mehr im Kino - Release: 08. November 2007]
   
 

Ein Film von Florian Borchmeyer • HAVANNA-DIE NEUE KUNST RUINEN ZU BAUEN erzählt die Geschichten von Menschen, die jeden Tag darauf warten, dass ihnen das Dach ĂĽber dem Kopf zusammenstĂĽrzt und dennoch nicht ausziehen wollen. Andernorts wären ihre Wohnstätten längst renoviert, in Museen umgewandelt oder abgerissen worden. In Havanna dagegen sind die Ruinen belebt – dabei aber auch, wie die Bewohner resigniert feststellen mĂĽssen, die Leben ruiniert.

Cuba, im 47. Jahr der Revolution, ein Jahr vor den Feierlichkeiten zu Fidel Castros achtzigstem Geburtstag. Während sich der Líder Máximo scheinbar noch bester Gesundheit zu erfreut, sind in der revolutionären Hauptstadt Havanna die Spuren des Verfalls allerorts sichtbar. Einstürzende Bauwerke aus allen Epochen der kubanischen Geschichte finden sich an fast jeder Strassenecke. Was die Ruinen Havannas von denen anderer Orte wie Rom oder Athen unterscheidet: sie sind bewohnt. In HAVANNA – DIE NEUE KUNST, RUINEN ZU BAUEN gewähren uns fünf Ruinenbewohner Zugang zu ihrem Leben und ihrem Lebensraum. Im Wechsel erzählen diese Personen ihre eigene Geschichte, die eng mit der Geschichte ihres Wohnortes verbunden ist – und wie diese eine Chronik des Kamps gegen den Verfall und gegen die Ruinenbildung ist. Denn auch ein Mensch kann zur Ruine werden.

Als eine Art Ruinen-Reiseführer leitet der Schriftsteller Antonio José Ponte durch den Film. Er bezeichnet sich selbst als "Ruinologen" – ein Beruf, bei dem man, wie er sagt, ständig versucht, die Ruinen zu erklären und in perverser Weise Freude an etwas findet, das verfällt. Ponte denkt unaufhörlich an die Ruinen. So träumt er von Thomas Mann und spinnt die Theorie, dass dieser heute nicht einen "Tod in Venedig", sondern einen "Tod in Havanna" geschrieben hätte: denn der morbide Charme Havannas wirkt heute auf die Nordeuropäer so wie vor hundert Jahren der Zauber der in der eigenen Lagune versinkenden Stadt. Neben dem Mannschen Helden, der nach Havanna kommt, um sich zu verlieben und durch eine einstürzende Ruine zu sterben, lässt Ponte aber auch den Philosophen Georg Simmel durch Havanna schreiten und dort eine Theorie der bewohnten Ruinen entwerfen. Doch durch seine Ruinologie ist Ponte selbst zur Ruine geworden. Da man dergleichen Theorien von staatlicher Seite aus nicht wünscht, wurde Ponte aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und darf in Cuba nichts mehr veröffentlichen. Er existiert nicht mehr. Zumindest offiziell. Er aber "ruinologisiert" weiter – und wartet darauf, dass Fidel Castro, die "Grosse Ruine dieses Landes", in sich zusammenstürzt.

Trotz der Ruinen ihres Lebens und ihrer Häuser aber finden alle Figuren eine Flucht aus den Ruinen, die ihnen das Überleben ermöglicht: ob es die Tauben, die Literatur, die Vergangenheit sind - oder aber die pazifische Noni-Frucht, die alle Krankheiten der Welt heilt.


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REGIE:
Florian Borchmeyer
PRODUKTION:
Matthias Hentschler
DREHBUCH:
Florian Borchmeyer
KAMERA:
Tanja Trentmann
Mark Seeburger
SCHNITT:
Birgit Mild
TON:
Frank Schreiner
MUSIK:
Gustav Mahler
Franz Schubert

LAND:
Deutschland
JAHR: 2006
LÄNGE: 86min