Grbavica
  [nicht mehr im Kino - Release: 24. August 2006]
   
 

Goldener Bär, Berlinale 2006 • Es war eine ebenso grosse wie gelungene Ăśberraschung, als am Ende der Berlinale 2006 die Jury unter dem Vorsitz der britischen Schauspielerin Charlotte Rampling dem bosnischen Film "Grbavica" den Goldenen Bären zusprach. GrĂĽnde dafĂĽr gab es genĂĽgend. «Wenn man an die Zukunft des Kinos glauben will, muss man an Filme wie Grbavica glauben», hatte die FAZ geschrieben. In der Tat schafft es die junge Bosnierin, unspektakulär, aber hochsensibel eine Geschichte fĂĽr die Kinoleinwand zu inszenieren, die mit dem Leben zu tun hat, und eine Form zu finden, die das Lokale universell macht, die das Menschliche in den Vordergrund stellt. Ein kleiner Film, vergleichsweise, aber eine grossartige Geschichte, die uns wieder einmal vor Augen fĂĽhrt, dass die wirklich berĂĽhrenden Geschichten verwurzelt sind und ihre Kraft aus dem Humus vor Ort beziehen. Dies in einer Zeit, und darauf spielte die Anmerkung in der FAZ natĂĽrlich auch an, in der viel Heimatloses ins Kino gelangt – auch und gerade Heimatloses aus SĂĽd und Ost, leer finanziert und leer abgeschliffen aus Nord und West.

Esma lebt mit ihrer 12-jährigen Tochter Sara allein im Nachkriegs-Sarajevo. Sara möchte auf einen Schulausflug gehen. Esma nimmt einen Job als Kellnerin in einem Nachtclub an, um das Geld für den Ausflug aufzubringen. Sie will, was jede Mutter möchte: Nicht nur das Beste für ihre Tochter, sie will auch, dass ihre Tochter all das haben kann, was andere haben können. Die quirlige Sara freundet sich mit Samir an, der wie sie selber keinen Vater hat. Beide Väter sollen als Kriegshelden gestorben sein, heisst es. Aber Samir ist verwundert, dass Sara nicht weiss, wie genau ihr Vater starb.Wenn Mutter und Tochter das heikle Thema ansprechen, gibt Esma ausweichende Antworten.

Die Situation verkompliziert sich, als von der Schule aus angeboten wird, die Kinder von Kriegshelden könnten am Ausflug kostenlos teilnehmen. Nun erklärt Esma ihrer Tochter, dass der Leichnam ihres Vaters nie gefunden wurde und sie daher die Bescheinigung nicht habe. Sie versucht nun, das nötige Geld von ihrer Freundin Sabine, ihrer Tante und ihrem Chef im Nachtclub zu leihen. Sara wird das Gefühl nicht los, dass etwas nicht stimmt an dieser Geschichte. Und sie stellt, wie Kinder das an sich haben, weiter Fragen. Grbavica lässt uns einfach zuschauen und über die ausgesprochen exakte und lebensnahe Beschreibung langsam erkennen. Die Geschichte ist zunächst eine ganz alltägliche, wie wir sie rund um die Welt antreffen können: Eine Mutter lebt mit ihrer Tochter allein erziehend in einer Stadt. Die beiden verstehen sich gut, machen manchmal freundschaftlich gemeinsame Sache, aber immer wieder scheinen auch die Konflikte auf, die zwischen einer Mutter und einer Tochter so entstehen können. Bei ihnen kommt dazu: Ein verspielter Moment kann bei den beiden ohne Vorwarnung in einen Schmerz kippen, der ahnen lässt, dass es da Wunden gibt, die höchstens an der Oberfläche verheilt sind. Mirjana Karanovic´, die grossartige Kusturica-Schauspielerin, und Luna Mijovic´, die junge Entdeckung dieses Films, verkörpern die beiden Figuren still und grossartig. Ihre Präsenz ist eines der kleinen Ereignisse, die Grbavica so gross machen. Ein anderes: JasmilaZ?banic´ führt uns an einen Punkt des Begreifens dessen, was Kriege hinterlassen, warum sie nie eine Lösung sind.


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REGIE:
Jasmila Zbanic
PRODUKTION:
Barbara Albert
Damir Ibrahimovich
Bruno Wagner
CAST:
Mirjana Karanovic
Luna Mijovic
Leon Lucev
Kenan Catic
Jasna Beri
Dejan Acimovic
Bogdan Diklic
DREHBUCH:
Jasmila Zbanic
KAMERA:
Christine A. Maier
SCHNITT:
Niki Mossböck
TON:
Nenad Vukadinovic
MUSIK:
Enes Zlatar
KOSTÜME:
Lejla Hodzic

LAND:
Ă–sterreich
Bosnien
Deutschland
Kroatien
JAHR: 2006
LÄNGE: 90min